Von Markus Küper
Münster. Wer aussieht wie Ali, aber redet wie Hans, kann vieles leichter sagen. Erst recht, wenn er wie Fatih Cevikkollu ein begnadeter Mime ist und den Moslem-TÜV bereits abgelegt hat jene 30 Fragen lange, höchstbehördliche Realsatire, mit der der Deutschtürke sich die Bühne der Kulturschiene erobert, als ginge es bei diesem entlarvenden Gesinnungstest um seine eigene Identität: Dabei müssten die doch nur fragen: Würden Sie eine Karrikatur Ihres Propheten zeichnen?
Atze Schröders Azubi hat den Kiosk in Essen-Kray verlassen und betreibt nun Integrationspolitik mit anderen Mitteln. Allein auf kleiner Bühne, auf die er sich denn auch zunächst etwas verstohlen schleicht. Ganz verloren schaut Fatih Cevikkollu aus, wenn er mit der verschüchterten Höflichkeit eines ungebetenen Gastes sein Guten Tag! Ich bin Deutschland herauspresst, um gleich darauf im feinsten rheinischen Dialekt ein selbstbewusstes Datt könnt Eusch so paasse! hinterherzupoltern. Und schon sind wir mittendrin in Fatihs Fatihland, diesem urkomischen Spiel der deutsch-türkischen Identitäten, bei dem selbst islamistischen Selbstmordattentätern die Aussicht auf ein Paradies voller Jungfrauen madig gemacht wird. Warum Anfängerinnen?, fragt Fatih. Profis wären doch viel besser!
Natürlich ist Fatihland vor allem ein Land des Lächelns. Wenngleich auch ein wenig operettenseliges. Wenn Cevikkollu die Nase kraus zieht, die Mudwinkel bis zu den Ohren biegt und seine weißen Zähne zeigt, geht es ran ans angeknackste Selbstbewusstsein der Türken. Denn Ali kann noch so sehr den Salsa-Casanova mimen gegen Joao, diesen breit grinsenden Latin-Lover, zieht er stets den Kürzeren. Erst recht, wenn dieser sich auf unnachahmlich unverständliche Art mit Rilkes Herbsttag in die Herzen deutscher Frauen lächelt. Ein Brüller! Nicht zuletzt, weil seine Körpersprache mindestens so multikulti ist wie er selbst. Der Berliner Ernst-Busch-Schauspielschule sei Dank. Auch wenn er sein Talent nun dazu nutzt, sich über den Habitus seiner ehemaligen Kollegen am Düsseldorfer Schauspielhaus lustig zu machen.
Und wenn Cevikkollu gerade nicht mit dem Taunus in die Türkei düst, über Bauchtanzkurse an der Volkshochschule lästert oder selbstironisch den Deutschen in sich entdeckt (Ich spürte in mir die Lust auf Recht und Empörung), dann rappt er halt. So lyrisch und poetisch, dass ihm wirklich jeder an den Lippen klebt. Ali und Hans, Aische und Helga.
Montag, 22. Mai 2006 | Quelle: Westfälische Nachrichten (Münster)