...das Theater im Hauptbahnhof Münster

 

Lust auf Empörung

Von Frank Zimmermann Münster. Sind CDU-Wähler hier?, will Fatih Cevikkollu vom Publikum in der Kulturschiene wissen. Ja, kommt prompt die Antwort aus dem Dunkeln. Freunde, wir müssen reden!, meint der Kabarettist und erklärt auch gleich warum: Er hat den Gesprächsleitfaden für die Einbürgerungsbehörden in Baden-Württemberg mitgebracht den Moslem-TÜV. Tatsächlich erweisen sich die behördlichen Fragen als veritables Comedy-Futter, das Cevikkollu genüsslich durchkaut. Sein Fazit: Der ganze Katalog ließe sich auf eine Frage reduzieren: Würden sie eine Karikatur vom Propheten Mohammed zeichnen, ja oder nein? Aber auch manches Dogma seiner Glaubensgenossen nimmt er auf die Schippe. Dass im Paradies nur Jungfrauen auf ihn, den Moslem, warten sollen, passt ihm gar nicht: Ich will Profis! Mit Anfängern Tennis zu spielen macht ja auch keinen Spaß die haben nämlich kein Ballgefühl! Cevikkollu teilt das Schicksal zahlloser Migrantenkinder: Mein Vater kam in den 60er-Jahren nach Deutschland, aus der Türkei; ich kam in den 70er-Jahren nach Deutschland, aus Mutti. Deshalb sind ihm beide Kulturen zu eigen, und davon erzählt sein Programm Fatih land. In dunklem Anzug und weißem Hemd tigert der Stand-up-Comedian, den Fernsehfreunde aus der Serie Alles Atze als Murat kennen, über die Bühne und reibt seinen Zuschauern gekonnt die eigenen Klischees unter die Nase. Aber kaum haben die deutschen Hanse und Helgas ihr Fett weg, da zieht er auch schon wieder genüsslich andere Nationen durch den Kakao. Das Paradebeispiel dafür ist der Brasilianer Joao, in dessen Rolle der gelernte Schauspieler mehrfach schlüpft. Joao zitiert mit himmelschreiendem Akzent Hebs-Tagg von Heina-Baia-Hilki (Reiner Maria Rilke) oder erzählt das Märchen von Hapunsel (Rapunzel). Im zweiten Teil seines Programms wird Cevikkollu persönlicher. Er gewährt dem Publikum einen Einblick in seine Kölner Kindheit, über der stets das Damokles-Schwert der Rückkehr hing, und erzählt von Situationen, in denen er den Hans in sich entdeckt und dann der typisch deutschen Lust auf das Recht zur Empörung frönt. Seit Samstagabend wissen rund 200 Münsteraner, warum Fatih Cevikkollu für Fatih land den Prix Pantheon 2006 gewonnen hat.|www. fatih land.de

Montag, 29. Januar 2007  |  Quelle: Westfälische Nachrichten (Münster)

 

Mit freundlicher Unterstützung der Ballettschule REBELTANZ